Für viele Menschen stellen besondere Orte ein Mysterium dar, deren Wirkung sie mit dem logischen Verstand nicht erklären können. Allein mit dem „Bauchverstand“, dem Gefühl, das ein Ort bei ihnen auslöst, wenn sie diesen aufsuchen oder betreten, kann eine solche Wirkung erfahren werden. Dann heißt es: „Hier herrscht eine ganz besondere Energie“. Oder aber man kommt zum Schluss, dass bspw. ein Straßenzug oder ganze Stadtviertel einen verwahrlosten Eindruck erwecken; dreckig und verstaubt, mit ungepflegten Hauseingängen. Und man wundert sich, was aus diesem Ort geworden ist.
Die Atmosphäre der Orte
Diese besondere Atmosphäre von Orten ist Ausdruck eines semiotischen Systems und repräsentiert eine materielle Syntax gesellschaftlicher Symbolsysteme. Oder wie Ipsen1 sinngemäß sagt: Die Gestalt eines Raumes oder Ortes ist ein symbolischer Ausdruck eines gesellschaftlichen Entwicklungskonzeptes und als solcher zu interpretieren.
Denn dass ein Ort so aussieht, wie er aussieht, ist keinesfalls zufälliger Natur. Im Gegenteil, dahinter steht bewusste Planung, mit der sich jede Gesellschaft für eine „bestimmte Zeit ihre Muster der räumlichen Orientierung“2 schafft. Gleichzeitig bedeutet jede Änderung der lokalen und regionalen Muster, dass es zu „qualitativen Sprünge[n] und Risse[n] in der gesellschaftlichen Organisation“3 kommen kann. Solche „Risse“ zeigen sich dann in der Ortsqualität, indem ein Ort „sich verändert“ hat und sich bspw. früher weitaus schöner darstellte. Heute jedoch meint man, dass der Ort zunehmend verwahrlost, und man fragt sich, was denn hier los sei oder geschehen sei, dass der Ort so aussieht, wie er heute aussieht.
Was ist denn mit dieser Stadt passiert, dass ihr ein historisches Zentrum fehlt und, für die Region untypisch, hier Hochhäuser stehen?
Diese Aussage tätigten durchreisende Architekten, die sich aufgrund des vorliegenden Ortsbildes bemüßigt fühlten, die Stadtverwaltung von Liezen aufzusuchen und Sie zum Hintergrund für den vorliegenden Betonbrutalismus4 zu befragen.
Die Wahrnehmung von Ortsatmosphären
Die Signale/Muster, die von Orten, Plätzen, Objekten und ganzen Landschaften ausgehen, enthalten nicht nur informationelle, sondern vielmehr emotionale Botschaften, die sowohl die dort lebenden Menschen als auch Durchreisende als Qualität oder Ortsatmosphäre erfahren. Diese Erfahrungen sind emotionaler Natur und zeigen sich auf der Gefühls- und Empfindungsebene. So kommt es, dass sich Menschen zu bestimmten Orten hingezogen fühlen, um sich gleichzeitig von anderen Orten bewusst fernzuhalten, oder aber um immer wieder an einen sie berührenden Ort zurückzukehren, vielleicht sogar an diesen zu übersiedeln.
Gleichzeitig manifestieren sich diese Botschaften dauerhaft in der Bevölkerung vor Ort und beeinflussen ihre Entscheidungen. Denn das, was man sieht, hält man für die Realität. Dahinter versteckt sich ein Wahrnehmungsthema, das der Soziologie bekannt ist, nicht jedoch oder nur in geringem Maße bei Planern, Regionalmanagern oder Projektentwicklern der Landschafts- und Regionalplanung. Die Wahrnehmung von Orten und Landschaften unterliegt speziellen Vorannahmen, insbesondere jenen des Strukturfunktionalismus Talcott Parsons5, der die Gesellschaft in Funktionseinheiten als Teilsysteme mit spezifischen Aufgaben gliedert.6 Die Gesellschaft und ihre Mitglieder blickt dann mit der Brille des jeweiligen Teilsystems auf die sie umgebende Umwelt und konstruiert damit ihre eigene Wirklichkeit von Landschaft und Raum.

Wie wir bereits festgestellt haben, ist die Gestalt des Raumes ein symbolischer Ausdruck dessen, wie wir auf den Raum blicken. Parsons geht davon aus, dass die oben erwähnten Teilsysteme – wie Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft, Werte etc. – Landschaft und die in ihnen vorhandenen Orte unter Zuhilfenahme eigener systemischer Leitfragen konstruieren. Dabei dominiert das Teilsystem Wirtschaft regionale Entwicklungsprozesse und blendet gleichzeitig andere Fragen wie sozialökologische Aspekte und Werte aus.
Das Teilsystem Wirtschaft resoniert mit der Landschaft unter dem Aspekt, ob mit ihr Geld verdient werden kann oder nicht, ob die Landschaft Gewinn versprechend genutzt werden kann oder eine Investition in diese oder einen Ort finanzielle Verluste zeitigt. Ein wesentliches Merkmal dieser Teilsysteme ist, dass sie ähnlich einem binären Code funktionieren, also nur entweder-oder-Optionen hervorbringen – entweder Gewinn oder Verlust, entweder Macht oder Ohnmacht, entweder richtig oder falsch.7
Die Perspektive der Resonanzökologie
Angesichts dieser Besonderheit, Orte und zusammenhängende Landschaftsräume wahrzunehmen, sich seinen Landschaftsraum zu konstruieren, liegt es auf der Hand, dass unterschiedliche Brillen, die man sich als Perspektive eines Teilsystems bei der Betrachtung dieser Räume aufsetzt, unterschiedliche Qualitäten zutage fördern. Und genau dabei setzt die integrale Landschaftsanalyse an, indem Sie mithilfe unterschiedlicher Teilsystem-Aspekte einen Ort oder Raum untersucht, dort die systemspezifischen Qualitäten erfasst um vielfältige Projekt- und Entwicklungsmöglichkeiten daraus zu sequenzieren.
Die Wahl der Teilsysteme geht dabei weit über ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Aspekte hinaus und greift auch transdisziplinäre Wahrnehmungsaspekte bspw. der historischen Kulturlandschaftsforschung oder traditioneller Planungsmethoden wie der Geomantie mit dem Goldenen Schnitt auf.
Die Geomantie nimmt die Landschaft oder den Ort weitaus emotionaler und auf Gefühlsebene wahr, als jemand der mit der Wirtschaftsbrille darauf blickt. Historiker erkennen an Orten andere Qualitäten als Ökologen.
Die Resonanzökologische Perspektive auf Orte zeichnet sich dadurch aus, dass viele Aspekte erfasst werden, um daraus ein Großes Ganzes zu formen. Ein ganzheitlicheres und der eigentlichen Realität näher entsprechendes Bild des Ortes oder einer Landschaft kann entworfen werden. Liegt diese Vielfalt an Qualitäten vor, lassen sich daraus Schlüsse für die Entscheidungskraft der Menschen vor Ort gewinnen.
So ist es möglich, die unterschiedlichsten emotionalen Wirkungen eines Ortes zu erfassen und in Form von Entwicklungsmaßnahmen aufzuwerten, die zur Bevölkerung passen und ihrem Erleben von Orten und Landschaften entsprechen. Die die Erwartungen der Bevölkerung an ihren Lebensraum oder Ort treffender erfüllen. Die bei der Analyse zur Anwendung gelangenden resonanzökologischen Codes liefern Muster der räumlichen Orientierung und können dazu beitragen, dass sich die Bevölkerung an ihrem Ort wohl fühlt und mit diesem auch nachhaltig identifiziert. Sie erleben sich im Einklang mit ihrer Umgebung, was nachhaltigere Entscheidungsprozesse, den Ort und Lebensraum betreffend, ermöglichen kann.
Schlussendlich beeinflusst jeder Ort und jede Landschaft mit seinen und ihren Mustern und Codes das Verhalten aller Menschen, die an diesen Orten und in diesen Landschaften leben, ihren Urlaub dort verbringen oder einfach nur durchreisen. Je länger man sich an einem Ort aufhält, umso stärker prägen die Muster das eigene Entscheidungsverhalten.
Quellen:
1 Ipsen, D. (2006). Ort und Landschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 92.
2 ebd., S. 37.
3 ebd., S. 38.
4 Der (Beton)Brutalismus ist ein Architekturstil der 1950er bis 1980er Jahre und entstand als funktionale Bauweise der Nachkriegsmoderne. Er kam bei sozialen Wohnbauprojekten, öffentlichen Gebäuden und Universitäten zur Anwendung.
5 Parsons, T. (1991). The Social System. Routledge. (Ursprünglich erschienen 1951).
6 Kühne, O. (2024). Autopoietische Systemtheorie und Landschaft. In O. Kühne, F. Weber, K. Berr, & C. Jenal (Hrsg.), Handbuch Landschaft (2., überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 151–163). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42136-6, S. 153.
7 ebd., S. 151–152.
