Der Ortsbegriff taucht in der deutschsprachigen geografisch-soziologischen Literatur in dieser expliziten Ausprägung erstmals bei Detlev Ipsen im Kontext der Landschaftsplanung auf. Ipsen verweist auf frühe Arbeiten von Gert Gröning und Ulf Herlyn[1], die der Landschaftswahrnehmung eine gesellschaftliche Konstruktion von Raum und Umwelt zuschreiben. Damit stellte die Stadt- und Regionalsoziologie erste qualitative Bezüge zwischen Räumen, Landschaften und Orten her, immer aber im Kontext der Freiraumplanung und einer Landschaftsperzeption als Gegenentwurf zur Stadt.[2]
Ort als klar begrenzter Raum
Heute wissen wir: Menschen entwickeln für einzelne Zonen eines Landschaftsraums eine gewisse Affinität. Diese Zonen stellen Orte dar. Der Ort ist damit „eine abgrenzbare und damit erfahrbare Einheit des Raumes. Ein Ort ohne Begrenzung ist nicht denkbar.“[3] Die Ästhetik des Ortes ist ausschlaggebend darüber, ob eine Beziehung zu einem Ort positiv oder negativ aufgebaut werden kann.
„Die Stimmung des Ortes korrespondiert mit der Eigenart des ihn umgebenden Raumes und umgekehrt.“[4] Nur so ist es möglich, dass sich Menschen in einem Ort wiederfinden, ihn mit ihrer eigenen Biografie, dem Milieu einer Gruppe oder mit einer sozialen Kategorie verbinden können. Dadurch entsteht eine Art Informationsdatenbank für genau diesen Ort, der – ähnlich dem Begriff der Künstlichen Intelligenz (= Informationsdatenbank einer Technologie) – auch als Ortsintelligenz bezeichnet werden kann.

Beziehung zum Ort
Diese sozialpsychologische Beziehung zu einem Ort ist nicht nur für die dort lebenden Menschen, sondern auch für die Entwicklung des Ortes von Bedeutung. Selbst soziale Handlungen, die in Landschaftsräumen stattfinden, stehen in enger Verbindung mit dem realen und symbolischen Ortsbezug. So entstehen lokale Milieus (bspw. das Arbeitermilieu), die die Entwicklung ihres Ortes (Arbeiterviertel) maßgeblich bestimmen.
Der US-amerikanische Humangeograph Yi-Fu Tuan fügt diesem verbindlichen Beziehungsaufbau des Menschen zu seinem Ort noch den Faktor Zeit hinzu und fragt: „how long does it take to know a place?“ was die Tatsache aufwirft, dass der moderne Mensch kaum mehr Zeit hat, sich mit einem Ort zu identifizieren und Wurzeln zu schlagen; den Ort quasi zu kennen („to know a place“).
Modern man is so mobile that he has not the time to establish roots; his experience and appreciation of place is superficial. […] But the „feel“ of a place takes longer to acquire. It is made up of experiences, mostly fleeting and undramatic, repeated day after day and over the span of years. It is a unique blend of sights, sounds, and smells, a unique harmony of natural and artifcial rythms such as times of sunrise and sunset, of work and play. The feel of a place is registered in one`s muscles and bones. […] In time we become familiar with a place, which means that we can take more and more of it for granted [vergleichbar mit] …an old pair of slippers.[5]
Der moderne Mensch ist so mobil, dass er keine Zeit hat, Wurzeln zu schlagen; seine Erfahrung und Wertschätzung eines Ortes ist oberflächlich. […] Doch das „Gefühl“ für einen Ort braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Es setzt sich aus Erfahrungen zusammen, meist flüchtig und unspektakulär, die sich Tag für Tag und über Jahre hinweg wiederholen. Es ist eine einzigartige Mischung aus Anblicken, Geräuschen und Gerüchen, eine einzigartige Harmonie natürlicher und künstlicher Rhythmen wie Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Arbeit und Freizeit. Das Gefühl für einen Ort ist in Muskeln und Knochen verankert. […] Mit der Zeit gewöhnen wir uns an einen Ort, was bedeutet, dass wir ihn immer mehr als selbstverständlich ansehen. … ähnlich einem alten Paar Hausschuhe.
Übersetzung des Zitats, Tuan, S. 183–184
Ort als kollektives Gedächtnis
Was die resonanzökologische Forschung heute als „Ort“ bezeichnet, ist Ort als „qualitatives Gesamtphänomen“. Orte sind räumlicher Natur als dreidimensionale Organisation desselben in einem Landschaftsraum, und als emotional erfahrbare Natur, da sie neben ihrer räumlichen Ausbreitung auch über einen Charakter als ortseigene Atmosphäre verfügen. Diese ist mit ganz spezifischen, gefühlsmäßigen Empfindung, die der Mensch an einem Ort wahrnimmt, verbunden.[6]
Genau diese Atmosphäre, diese Gefühle, die der Mensch mit einem Ort verbindet, stellt eine Form der Intelligenz dar. Man spricht auch von einem kollektiven Gedächtnis, das mit kultureller Identität einhergeht und sich in Sprache ausdrückt – Ortsnamen, Flurnamen. Schließlich ist ja der Landschaftsbegriff, wie die Sprache selbst auch, ein sozial-mentales Konstrukt, bei dem „der Mensch einzelne auditive oder visuelle Elemente im Gehirn zu einem ganzheitlichen Bild zusammenführt.“[7] – Mit einer Ausnahme, dass in der resonanzökologischen Forschung auch kinästhetische, gustatorische und olfaktorische Elemente in die Ortsqualität mit aufgenommen werden.

Orte sind mehr als nur ein Standort
Der Begriff der Ortsintelligenz beschreibt Qualitäten eines Ortes als eine Art kollektives Gedächtnis. Sie kann mittels verschiedener Analysemethoden sichtbar gemacht werden, um sie in Entwicklungsprozesse einzubeziehen.
Die bewusste Wahrnehmung von Ortsqualitäten spielt auch in der Arbeit des Instituts „Entdeckt die Welt“ eine zentrale Rolle. In Forschung und Projekten untersuchen wir, wie Orte und ihre Intelligenzen Entwicklungsprozesse beeinflussen können.
Quellen:
[1] Gröning, G.; Herlyn, U. (Hrsg.) (1990). Landschaftswahrnehmung und Landschaftserfahrung: Texte zur Konstitution und Rezeption von Natur als Landschaft. München: Minerva.
[2] Gröning merkte in einem Artikel zum Landschaftsbegriff an, der von Natur aus mit Konnotationen einhergeht: „Solange ‚Landschaft‘ nichts über die und zu den damit verbundenen Interessen der vielen unterschiedlichen sozialen Gruppen zu sagen hat, bleibt der Begriff fragwürdig.“ – Gröning, G. (2020). Zu einigen Aspekten des Medialen im Begriff der Landschaft. In: Gegenwart und Künste, Medien, Ästhetik, 2/2020 – 1 (S. 7). https://edoc.hu-berlin.de/server/api/core/bitstreams/090c1184-9d19-4d45-a953-0fec5872348d/content (Abgerufen am 12.03.2026).
[3] Ipsen, D. (2006). Ort und Landschaft. Wiesbaden: VS Verlag, S. 102.
[4] ebd.
[5] Tuan, Y-F. (2007). Space and Place. The Perspective of Experience. Fifth Printing. Minneapolis: University of Minnesota Press, S. 183–184.
[6] Brönnle, S. (2006). Landschaften der Seele. Landschaften, Geomantie und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Darmstadt: Schirner, S. 161.
[7] Döhla, H-J. (2024). Sprache und Landschaft. In: Kühne, O. et al. (Hrsg.). Handbuch Landschaft. RaumFragen: Stadt – Region – Landschaft. Wiesbaden: Springer-Natur. S. 731.
