Für die meisten Menschen gehören Märchen zur Kindheit. Doch in den Märchen verbirgt sich ein ganz besonderer Schatz zur Bewertung von Ortsqualitäten. Die theoretische Basis dafür liefert die Geomantie, mit deren Hilfe die Symbolik der Märchenfiguren in der Landschaft oder einem Ort entschlüsselt werden können.
Sehen wir uns eine Region aus kulturlandschaftlicher Perspektive näher an, dann gilt unsere Aufmerksamkeit den Texten und Geschichten, die die Regionsbewohner über Generationen und Jahrhunderte hinweg einander erzählen. Wir gehen also in eine Textanalyse/Inhaltsanalyse und extrahieren die in diesen Geschichten enthaltenen mythischen Figuren und Wesenheiten.
Begleitend dazu legen wir uns das Konzept der Elementarwesen aus der Geomantie zu. Führende Geomanten wie Erwin Frohmann, Stefan Brönnle oder Marko Pogatschnig und Nigel Pennick sprechen von mythischen Welten und Wesenheiten in anderen Dimensionen. Auch wird in schamanistischen und asiatisch-geomantischen Traditionen wie dem Feng Shui oder dem Vastu von Wesenheiten der Anderswelt gesprochen, die auf die Landschaft oder den Ort mit ihrer Energie einwirken.
Die Elementarwesen nach ihren Elementen
Bleiben wir bei der im westlich-europäischen Kulturkreis vertretenen Geomantie, dann sieht dieses Konzept der Wesenheiten in anderen Welten, der Unterwelt, Mittelwelt und Oberen Welt, folgendermaßen aus:
Jede der drei Welten (Unterwelt, Mittelwelt, Obere Welt) wird von Elementarwesen, die den Elementen Erde, Luft, Wasser und Feuer zugeordnet werden, bewohnt. Diese Elementarwesen befinden sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen und entwickeln sich selbst bspw. vom einfachen Zwerg über den Weisen Alten hin zum Pan.
Die oberste Entwicklungsstufe umfasst damit alle Gottheiten, die wir auch aus der griechischen und römischen Mythologie kennen. So war bspw. die sprichwörtliche küssende Muse ursprünglich ein Geistwesen der Reifung, das zum Lichtgeist aufstieg und über diesen Weg die dritte Entfaltungsebene als Muse erreichte.
Sehen wir uns diese Gliederung näher an, denn werden den Elementen folgende Wesenheiten, die wir auch aus den Märchen kennen, zugeordnet[1]:
| Element und Aufgabe | erste Entwicklungsstufe | zweite Entwicklungsstufe | dritte Entwicklungsstufe |
| Feuer Wesen zeigen sich als Salamander in der Mittelwelt, mythologische Entsprechung sind die Vulcani (Vulcanus = römischer Gott des Feuers) oder als Drache; Landschaftsentsprechung alle Lebensräume, in denen stoffliche Wandlungsprozesse ablaufen (Kompost, Verrottung,…) oder sonnig-exponierte Lagen wie Trockenstandorte und sandig-trockene Böden; zeigen sich als Element im Feuer selbst und wirken am Reifeprozess der Früchte mit. | Geister der Reifung und Wandlung | Lichtgeister | Musen |
| Luft entspricht der Qualität der Transparenz, Bewegung und räumlicher Weite; räumliche Entsprechung: alle offenen und freien Landschaften wie Wiesen, Felder und Berghöhen/-rücken; Lebensraum Luft, bewegte Luft, athmosphärische Bewegungen; die Wesenheiten betreuen die Pflanzen in der Blütezeit und zeigen sich auch als Schmetterling, als zarte fliegende Wesenheiten | Sylphen Feen | Raumfee Pflanzendeva Waldfee | Deva des Ortes Ritualdeva Deva-Meisterin |
| Wasser steht für Lebensquelle und Lebensfluss; entsprechen im Raum den Gewässern (Flüsse, Seen,…), sowie deren Übergangszonen zum Land als Uferbereiche und Moorlandschaften; diese Wesen betreuen die Reinigungsprozesse und die Dynamisierung des Wassers, koordinieren und verteilen die Lebenskraft in der Landschaft, betreuen Wasserlebewesen und wirken an der Keimung der Pflanzen mit; sie zeigen sich als nebelhafte Schlieren über dem Wasser und am Uferrand, gleiten und schweben über das Wasser; der Wassermann lebt am Grund des Gewässers; sie vermitteln das Gefühl des Hingezogenseins und strahlen Behutsamkeit in den umgebenden Raum aus. | Nixen Undinen Wassermänner Geister des Gleichgewichts | Nymphen als Quellnymphen Auennymphen usw. | Landschaftsnymphe Nymphenkönigin |
| Erde Grundqualität ist die Materie und die Materialisation; entspricht dem Boden (anorganisch und organisch) und den Lebensräumen des Waldes; Erd-, Stein- und Wurzelhöhlen sowie geschlossene Raumstrukturen: als Pygmäen (kleines Fabelwesen) aus der griechischen Mythologie bekannt; ihre Aufgabe ist die Koordination aller erdgebundenen und erdbezogenen Prozesse wie Bodenaufbau, Bodenleben und Nährstoffkreislauf und sie setzen die Kräfte in materielle Strukturen um; diese Wesen zeigen sich in Form von Gesichtern (!) in Wurzeln und Steinen, Wichtelmänner und Wichtelfrauen sind immer zu Späßen aufgelegt und zeigen ein munteres Treiben in höhlenartigen Landschaftsstrukturen, unter Bäumen, Sträuchern und Stauden; sie vermitteln das Gefühl der Erdung | Faune Elementarwesen bei Tier und Mensch (Krafttier) Heinzelmännchen Kobolde Wichtel Pygmäen Elfen, Zwerge Gnome | Die Liebende Alte Der Alte Weise | Pan |

FEUERELEMENT
Dieses Bild zeigt zwei Drachenfiguren im Feuer. Die erste Figur steht rechts und lehnt sich an die zweite Figur, die sich links im Bild aufbäumt. Deutlich erkennbar ist der Kopf des ersten Drachens sowie dessen Körper und die „Vorderbeine“. Die zweite Drachenfigur zeigt sich von ihrer Bauchseite, der Kopf ist oben im Bild und stößt einen Flammenteil aus.
LUFTELEMENT
Dieses Bild zeigt Luftgestalten. Man sieht einen Engel in der Mitte des Bildes schweben, der im Morgenlicht rot schimmert; über den Bergkamm legt sich eine drachenähnliche Gestalt als Wolke. Wolken stehen dem Luftelement nahe, weshalb es sich in beiden Fällen um Raumfeen oder Devas handelt.


ERDEELEMENT
Wesen des Erdeelements zeigen sich als Gesichter in Steinen oder Bäumen. Dieses Erdwesen kann als Kobold gelesen werden.
Pareidolie – Gesichter in Objekten sehen
Das Gehirn ist darauf programmiert, in leblosen Objekten blitzschnell Muster und Mimik zu erfassen. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Artgenossen und Bedrohungen unmittelbar zu erkennen, sodass das Gehirn permanent nach typischen Merkmalen wie Augen, Nase oder Münder sucht, selbst dort, wo keine dieser Merkmale vorhanden sind. Dieses Phänomen wird als Pareidolie bezeichnet, ist weder eine Krankheit, noch eine Halluzination, sondern ein völlig normal ablaufender, evolutionär begründeter physiologisch-neurologischer Prozess.
Werden diese Muster und Gesichter mit mythologischen Informationen und naturreligiösen Vorstellungen von Wirklichkeit verknüpft, dann belebt der Mensch seine Umwelt ganz automatisch mit Wesenheiten und schreibt diesen bestimmte Funktionen zu. Dann werden Orte zu heiligen Stätten, Ritualplätze und Berge zu heiligen Bergen, da sich in deren Umfeld „Erscheinungen“ der Pareidolie häufen.
So schafft sich der Mensch seit Urzeiten Ankerpunkte und Orientierungpunkte in der Landschaft, belegt sie mit Informationen und lädt damit den unmittelbar ihn umgebenden Raum mit bestimmten Qualitäten auf. Geschichten und Märchen basieren auf diesen Informationen und können einem Landschaftsraum oder einem darin befindlichen Ort direkt zugeordnet werden.
Mythen als Basis für Raumqualitäten
Wenn wir in der resonanzökologischen Forschung einen Landschaftsraum ganzheitlich erfassen, dann heben wir im ersten Schritt die in ihm vorhandene Sagen- und Märchenwelt aus. Wir extrahieren die Wesenheiten, ordnen sie den Elementen zu und gleichen die Wahrnehmungsqualität des Landschaftsraums oder Ortes mit den geomantischen Wahrnehmungsaspekten ab. Dadurch erschließt sich dem resonanzökologischen Betrachter eine umfassende und mit Sagen und Märchen belegte Welt, die erstaunlicherweise bis in die Gegenwart reicht und deren Entsprechungen im Raum (Repräsentationen) sichtbar sind.
Zeigt sich bspw. für einen Landschaftsraum ein Überhang des Luftelements bei gleichzeitigem Fehlen der Qualität des Erdeelements, kann gemäß der geomantischen Planungsprinzipien in diesem Raum korrigierend und ausgleichend eingegriffen werden. Man stärkt die Erde und ihre Wesenheiten, kontrolliert die Luft mit Maßnahmen des Feuerelements, gleicht mit Wassermaßnahmen aus und bringt dadurch einen natürlichen und ökologischen Kreislauf in Gang. Ziel dabei ist es, Ausgewogenheit und kreative Spannung zu erzeugen.
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist immer die Sagen- und Märchenwelt der zu untersuchenden und entwickelnden Region bzw. Landschaft. Damit beschäftigen wir uns zu Beginn einer resonanzökologischen Analyse mit den Texten und Geschichten, die sich die Menschen in einer Region über die Jahrhunderte hinweg erzählten.
Wenn Sie mehr dazu erfahren möchten, fragen Sie bitte um einen Vortrag für Ihren Verein, Ihre Organisation an. Ich komme auch gerne zu Ihnen, um für Ihre Region die Märchen- und Sagenwelt neu zu heben und die dort handelnden Wesenheiten in Ihrer Region zu verorten.
[1] Die Tabelle stützt sich auf folgende Quellen:
Pogacnik, M. (2000). Schule der Geomantie. München: Knaur.
Frohmann, E. (2000). Gestaltqualitäten in Landschaft und Freiraum. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Wien: Österreichischer Kunst- und Kulturverlag.
